Am 2. Juli 1505 überraschte den heimwärts wandernden Jurastudenten Martin Luther nahe
dem thüringischen Stotternheim ein Gewitter. Als ein Blitz direkt neben ihm in einen Baum
fuhr und ihn zu Boden warf, rief der junge Mann: "Hilf, heilige Anna, ich will ein
Mönch werden!"
So schildert die Legende den Bruch in der Laufbahn des am 10. November 1483 in Eisleben
geborenen Bergmannssohns, der ein Dutzend Jahre später die Welt erschütterte und die
katholische Universalkirche spaltete. Ob wirkliches oder inneres Gewitter: Luther trat
damals in das Augustiner-Eremiten-Kloster in Erfurt ein, wurde Theologieprofessor und von
der quälenden Frage, wie denn der Mensch vor Gott "gerecht" werden könne, zu
der alles umstürzenden Antwort geführt: "Allein durch den Glauben!"
Diese Erkenntnis musste in einer Zeit, da die Kirche käuflichen Ablass der Sünde
anbot und ein korrupter, lasterhafter Klerus das reine Bild der Lehre Christi besudelte,
den Erkennenden brechen oder auf die Barrikaden treiben. Luther schlug am 31. Oktober 1517
an die Wittenberger Schlosskirche ein Pamphlet, das in 95 Thesen zur Rückkehr zu den
reinen Evangelien und zur Abkehr von Götzendienst und Lohnmoral aufrief.
Vom Papst gebannt, vom Kaiser nach einem Verhör 1521 auf dem Wormser Reichstag und
nach der Verweigerung des Widerrufs in die Reichsacht erklärt, wurde Luther von seinem
Landesvater auf die Wartburg in Sicherheit gebracht, wo er seine Übersetzung der Heiligen
Schrift (1522 Neues, 1534 Altes Testament) begann.
Dieser Text und viele andere wortgewaltige Schriften (u.a. "An den christlichen
Adel deutscher Nation", Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche",
"Von der Freiheit des Christenmenschen") des einstigen Mönches weckten die
deutsche Sprache aus ihrem mittelalterlichen Schlummer und riefen die schon lange
zweifelnden Gläubigen zu den Fahnen der Reformation, der Reinigung und Wiederherstellung
des "einen Wort Gottes".
Luther löste sich nun ganz von Rom, heiratete und gründete eigene
"evangelische" oder "protestantische" Gemeinden, für die er den
"Katechismus" niederlegte und zahlreiche in ihrer dichterischen Kraft
unübertroffene Choräle und Gebete schrieb. Der Reformator, der am 18. Februar 1546 in
seinem Geburtsort starb, musste noch erleben, dass nun allenthalben Neuerer auftraten, die
sich an Radikalität zu überbieten trachteten, doch hat sich neben ihm und seiner Lehre
allenfalls Calvin behaupten können.
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